#TheArtOfTheState 09/15 – „Wer ist dieser Realtalk?“

gewürfelte_cutz // » That's the beauty of argument. when you argue correctly, you're never wrong. [N.N.] « 

Eine der beschissensten Vokabel aus dem aktuellen Hiphopsprech is ja dieses ultradümmliche

„Realtalk“

, dieser leicht retadierte Inzestbrudi von „No Homo“. Diese Floskel wird ja inzwischen gerne ungefragt an jede unglaubwürdige Hoodtale angeklascht oder an jeden Ghettotweet hinzugehashtagt.

#Realtalk? Wer ist dieser Realtalk eigentlich?

Böse Zungen (ich hab bestimmt eine solche) sagen ja es ist nur eine weitere versiffte Marketingstanze. Ich will dem Fan diesen einen vollkommen authentischen, ungefilterten Blick auf den Menschen hinter der Künstlerpersona gewähren. Ihn teilhaben lassen am Struggle. So weit, so gähn.

Vieles was mir als „ja Brudi, hab ich so erlebt, ernsthaft“ entgegenblubbert ist entweder wirklich belangloser Bullshit, der noch nie irgendwen per erstaunlicher Grenzerfahrung von seinem Lebenspfad geschubst hat oder klar kalkuliertes Getue. Klar ein echter Rotlichtflaneur muss schon ma einen Luden gesehen haben, aber ihr habt ja gleich mit ihnen gesoffen, sie unter den Tisch geschnufft oder ihre Geschäfte übernommen.

Ich sag euch jetzt mal was echter Realtalk ist.

Über mieses, richtig mieses Zeugs EHRLICH schreiben ist Realtalk. Über Selbstmorde, Depressionen, das Anschaffen, den prügelnden Vater, übers Heroin in die Venen drücken schreiben ist Realtalk. Und nicht eure kleine verfickte Illusion von Lebenshärte.

Auch wenn dieser Herr Würdig sehr unwürdige Dinge über die Kompetenzen und Erlaubnisseräume der Karikatur(isten) in manch ein Mic reinrülpst muss ich doch sagen, dass mich Siggi einmal mehr überrascht hat. Kommt er doch in der Albenpromophase mit einen Hochglanzvideo umme Ecke, bei dem sich ein echter Mensch echtes Teufelszeug in die Vene drückt!

Realtalk.

Und die Kamera hält drauf. Und das Kunststück glückt. Es wird kein eklig voyeuristischer Blick, nee! keen Upfuckporn, sondern ’ne glaubwürdige Milieu- und Elendsstudio auf Beats. Yap! „Gürtel am Arm“ zeigt einen wahrhaft gekonnt aufgelegten Storyteller-Sido.

Wenn man sich dann aber umguckt, wird es eher selten mit Referenzvideos. Aber ich bin ja nicht so, ich will nicht nur die eine Anomalie von der Regel finden, sondern vielleicht auch gleich zwei oder drei. Klar kam mir Sookees „Vorläufiger Abschiedsbrief“ in den Sinn, bei dem sie in einem wütenden Realtalk mal manch eine virulente Männerphantasie runtermachte, aber irgendwie passt mir dit hier nicht so ganz rein. Is wichtig, fraglos, aber ich suchte was anderes.

Sowas wie „Für Elise“ – von Schwesta Ewa. Dieses Stück schmutzige Alltagsreportage hat mich beim ersten Hören sprach- und fassungslos gemacht. So abgewixt und abgebrüht hatte bisher noch keine in Deutschland über die andere Seite der Carlo, Cokxxx und Nutten-Riveria berichtet.

Realtalk.

Highheels in den Mund, in den Rachen, bis ihr würgt. Los. Realktalker, komm‘ lutsch ma. Wer nach diesem Ding nochmals mit Stricherkitsch angewatschelt kommt kriegt eins mit dem Paddel.

Realtalk.

Überraschenderweise bin ich auch über ein Video gestolpert von einem MC, den ich in seiner Prä-Tallion-Zeit durchaus mochte, der mir aber dann mit diesem einen Video mehr als nur eine Grauzonengrenze übertrat – Fard.

Ich schätzte an ihm vorher seine reflektierten, introspektiven Alltagsschilderungen, die oft ohne dieses staubige, hochgetakte, boxerhaarschnittige funktionierten. Und mit „Sehnsucht“ erlaubt er (wieder) einen tiefen, intimen Blick hinter die Fassade eines jungen Menschen, der früher vieles vermisste. Sicherheit, Gewaltfreiheit, Geborgenheit. Funktionale Familie halt. Hier emanzipiert sich jemand sehr glaubwürdig von den unglaubwürdigen Rollenangeboten der Szene. Klar, der eine wird jetzt rumpöbeln: Pophook! Aber dann muss ich jetzt rumpöbeln: Dummspack. Hier hat einer die oft besungenen Eier mal über die wirklichen tiefen Wünsche zu sprechen. Und darüber was es bedeutet Gewalt zu erfahren. Viele der Daumenruntergeber werden in den intakten Mittelstandsfamilie wahrscheinlich seltener mit solch einer Situation konfrontiert.

Yap. Realtalk.

Ne andere Kiste ist der dieser leider mies nah beheimatete Themenkomplex Depression & Suizid. „Lebensmotto Tarnkappe“ war ein wütendes, fast schon tanzbares Aufbegehren gegen dieses Gefühl, was sich bei manchen Menschen ausbreitet wie ne Metastase. Oft ohne dass es das Gegenüber bemerkt. Tarnkappenmodus. Goldstatus. Und weil es so souverän abgeklärt war merkte man erstma nicht wie treffend dieser Text war. Meine Oma meinte oft – die, die am meisten lachen sind oft die traurigsten. Hatte sie wie so oft recht. Und die bissigsten nehmen sich dann das Leben. So wie Jakob Wich aka NMZS aka Mr. What the fuck – ich kenn nur Graffiti, Rap und Comics oder andere, deren Namen hier nix zur Sache tun.

Der Rest der Antilopen Gang war dann erstmal paralysiert durch die Entscheidung. Ihr Umgang damit? Gangtattoo stechen lassen, zu dritt weitermachen – und bei „Spring“ laut, konsequent und ohne falsche Rücksicht über das Spannungsfeld Suizid nachdenken. Und feststellen, dass man die Entscheidung eines Menschen, der sich final entscheidend, respektieren muss. Auch wenn es sehr weh tut. Auf ner Popplatte. Auf ner Rapplatte. In diesem Milieu, wo ein tiefes und ehrliches Gefühl eher verstummt und Plastikemotionen mit Realtalk gekennzeichnet werden. Ich ziehe noch immer tief meinen Hut.

Vor diesem Realtalk.


Tl;dr:
Realtalk ist die hässliche Seite, über die keiner sprechen mag.


Portrait #Marcus Dewes.

[Gastkolumne] 

Der digitale Flaneur is ’ne Oldschool-Schleichkatze straight outta Berliner Hipsterenklave Neukölln. Er chillt noch immer mit A E I O U und den letzten Flashpunks rum. Nennt einen grünen Pass mit einem goldenen Wookie drauf, sein eigen und findet Torch und Savas antik, aber er zahlt immer noch Mitgliedsbeitrag bei der Silonation e. V. Zwiespältige Type halt.

„Der Titel ist ein kleines Spielchen mit der Zuordnung von Worten. Nicht The State of the Art, also der Stand der Kunst, sondern The Art Of The State – also die Schönheit des Punches steht im Zentrum.“

Aufzufinden ist er in diesem Internetz unter @digitaleflaneur. Früher schrieb er auch wortreich auf derdigitaleflaneur.blogspot.de.


» korrespondierend #i got 5 on it:





1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2012 2013 2014 2015 berlin breakdance classic club dailydope ddr derbystarr der digitale flaneur deutschrap dj event feuilleton freestyle hiphop jahmica jam kolumne kultur leipzig live mixtape musik ost platten radio rap review selected TheArtOfTheState vanRAW veranstaltung video vinyl weimar