#TheArtOfTheState 02/16 – „Meister der Zeremonie & Knechte der Polemik“

gewürfelte_cutz // » Dieses Vakuum des Lebens [..], was man eine Zeit lang durch Ideologien gefüllt hat [..] und durch materielle Kompensation. Das geht irgendwann zu Ende. Und dann beginnt so etwas wie eine gesellschaftliche Depression - also die Frage: Was will ich aus meinem Leben machen? [M.H.] « 

Neulich ist ja Peter Lustig gestorben, dieser Typ mit dem Bauwagen und der Latzhose. Da trägt Rap natürlich keine Schuld dran, denn dort geht’s ja nur noch um Sportwagen und Strasssteinchen (für die Beinpressen). Aber mich erinnerte der Tod meines Kinderheldens einfach auch daran, wie alt ich inzwischen geworden bin und wie sehr sich das Spiel und auch die allermeisten Katzen geändert haben …

… in diesem ewig besseren Gestern gab’s ja nicht nur MPC-Pornos und 808er-Orgien, sondern auch amtliche Battlerapschlachten. Episch, hymnisch, lyrisch. Was ist davon heute noch übrig? Diese Schrumpfformen sind so derartig abartig entstellt, dass nicht ma mehr deine Mudda mit ihrem Riesenherz Mitleid für diese deformierten Gestalten empfinden kann. Guckt es euch doch mal an, früher prüfte man die Klasse eines Meisters der Zeremonie an seinen Skills, unverdorben durch Postproductionvoodoo, Tripledopplung und einem endlosen Arsenal an Back Up-Drosseln. Roh, live, ungefiltert. Cypherstahlbäder. Standen beide nach einer Runde noch, gab es die nächste, bis einer weinte und danach reichte man sich die Hände. eR Ar Pe.

#© http://yung-shiraz.tumblr.com/image/139531566962

Heute scheint sich das pöbelnde Rumtrollen auf Twitter endgültig zum sechsten Element hoch gemausert zu haben. Schön is dit aber nicht. Und nicht wenige verkacken selbst noch in 140 Zeichen den Einsatz. Andere wiederum vollziehen einen formvollendeten Grind und sind verdammt vergnüglich zu lesen, während wiederum andere nur durch spöttische Retweets anderer in deiner Blase landen und sofort zum Fremdschämen einladen.

Ein gutes Beispiel für unterhaltsamen Twittergossip ist immer und immer wieder Ali As, dessen leichtfüßigen Punches man gerne besternt. Und wenn er eine neue Runde „Dissen für die Promo“ ankündigt, pocht auch dieses Oldschoolherz wieder ein wenig, denn der Blondschopf ist kein Frischling: Und so beherrscht er noch immer das alte, inzwischen arkane Wissen der Aufmerksamkeitsökonomie …

… ein bissl sticheln, ein paar gut gesetzte Zeilen hier, ein paar spottende Zeilen da, nie fair, immer mies südlich des Gürtels, aber immer innerhalb von Rap. Andere (die ähnlich lang im Spiel sind) verstehen diesen kleinen, aber extrem relevanten Unterschied scheinbar nicht mehr und so kündigt der stabile, maskuline Seestern natürlich keinen Antworttrack an, sondern gleich Stiche. So weit, so traurig. Aber zu seiner Ehrenrettung muss man sagen er ist nicht alleine – nein! Er ist inzwischen Legion.

Und so kommt es zu dieser unerhörten Begebenheit, dass Galla, seiner postmortalen Rotationen überdrüssig, aus dem Grab steigt und als der Geist der vergangenen goldenen Zeit schlafende Menschen besucht. Er spuckte ihnen mit „kapier‘ das Battle nicht gleich Zickenbeef is“ einen Remix ewiggültiger Weisheiten in den Traum vom Gold und Wackelpofleisch.

Die Neuzeitrapper, ganz Knechte der Polemik kratzen sich wahrscheinlich im Schlaf einmal kurz am ungeschleckten Skrotum und träumen weiter von den Lobpreisungen der Presse oder den Hausbesuchen, Stadtverboten, Muckiebuden. Sie bleiben meinungsgespalten. Leistung und Rap. Nicht doch, Polemik is reichweitenstärker, wetten?
All dies wäre nicht so traurig, wenn die alte Kunst inzwischen ausgerottet wäre. Kommt ja vor, ab und an. Völker, Nationen, Städte, Kunstformen – nichts ist so beständig wie Vergänglichkeit in dieser eiskalten Zeit.

#© http://moneygunsweed.tumblr.com/post/138863127944/money-guns-weed

Aber seit Beginn des Jahres erschienen mit Azad, Laas und Lakman drei Alben dreier Veteranen (über die man getrost geteilter Meinung sein kann), die bewiesen, dass diese meisterhafte Form noch lange nicht erschlagen am Boden der Tatsachen liegt.

Manch einer pullert halt immer noch laut lachend auf Diskografien. Großmeister der Kunst eben.

Klar kann man über vieles mosern und manches in Zweifel ziehen, jedoch nicht ihre offensichtlichen Battlerap-Qualitäten. Auch wenn einer der dreien auf Albumlänge bös scheiterte, lieferte er noch immer genügend Classic Material für drölf andere Camps. Scheiternde Meister, auch sowas gibt’s.

Ein anderer nervte auf Twitter mit seinen kryptischen Tweets zwar endlos rum – richtig, aber er hat sich in einem Battle ewigen Ruhm erarbeitet, als er seinen Kontrahenten rundenweise faltete wie Origami. Daher trägt auch er den Ehrentitel zu Recht.

Und über die schiere Präsenz der Ein-Mann-Armee aus der Nordstadt muss man eh nicht lange diskutieren. Druckvoll, majestätisch, über jeden Zweifel erhaben. Und wenn man an den epischen Schlagabtausch zwischen ihm und diesem immer seltsamer werdenden Herr Sorge denkt (inzwischen wäre es eher ne Witch- als ne Bitchhunt), steigt ein warmes Gefühl in einem auf. Damals noch ein Dialog voller Schellen auf Vinyl. Bei Sido dann halt leider Schellen ausserhalb der Bühne. Tiefpunkt. Kein Battle. Kein Rap.

Auch wenn die Zahl der hin- und herfliegenden Battle-12er massiv fiel, kam es trotzdem noch zu einigen epochemachenden Dinger, denn Savas (und auch) Bushido fraßen ihre Kinder – dann im Videoformat … Karrierenknicks trotz Antworttracks. Die Hackordnung von Rap.

Aber heute schlägt der Mikrofon-Adept Antworttrack im Azzlackduden nach, stolpert beim Unterpunkt Qualität und Rohheit, und so bleibt er bleibt aus. Und der Rapper somit ein Knecht. Meisterschaft erreicht man nur durch Könnerschaft und nicht mit Reichweite.

Du bist King bei Social Media mit gekauften Stimmen? Dann bist du kein guter König mit treuem Gefolgen, sondern bloß ein Tyrann, der irgendwann über seine eigene Hybris stürzt und tausend MCs stehen bereit um diesen Job zu übernehmen, dieses Beklatschen deines Falls.


Tl;dr:
Ganz egal wie viele Studio-Großtaten du noch droppst, stellst du dich nie ins Feuer wirst du niemals reifen. Glaubste nicht? Arbeit ist Kraft mal Weg. Widerleg es.


Portrait #Marcus Dewes.

[Gastkolumne] 

Der digitale Flaneur is ’ne Oldschool-Schleichkatze straight outta Berliner Hipsterenklave Neukölln. Er chillt noch immer mit A E I O U und den letzten Flashpunks rum. Nennt einen grünen Pass mit einem goldenen Wookie drauf, sein eigen und findet Torch und Savas antik, aber er zahlt immer noch Mitgliedsbeitrag bei der Silonation e. V. Zwiespältige Type halt.

„Der Titel ist ein kleines Spielchen mit der Zuordnung von Worten. Nicht The State of the Art, also der Stand der Kunst, sondern The Art Of The State – also die Schönheit des Punches steht im Zentrum.“

Aufzufinden ist er in diesem Internetz unter @digitaleflaneur. Früher schrieb er auch wortreich auf derdigitaleflaneur.blogspot.de.


» korrespondierend #i got 5 on it:





1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2012 2013 2014 2015 berlin breakdance classic club dailydope ddr derbystarr der digitale flaneur deutschrap dj event feuilleton freestyle hiphop jahmica jam kolumne kultur leipzig live mixtape musik ost platten radio rap review selected TheArtOfTheState vanRAW veranstaltung video vinyl weimar