#TheArtOfTheState 02/15 – „Billie Jean / Tilidin / ich fick Deutschraps Denkerstirn“.

gewürfelte_cutz // » Es ist der übliche Kreis, man schätzt nicht wert was man hat. Und bis man merkt, was man hat, kriegt man nicht mehr was man mag. [M.H.] « 

Yap, erstmal ahoi, ich muss euch mal ein neues Betätigungsfeld vorstellen:
Die Erklärung „Was“ geht janz fix – ist ne Kolumne.

Der Titel ist ein kleines Spielchen mit der Zuordnung von Worten. Nicht „The State of the Art“, also der Stand der Kunst, sondern „The Art Of The State“ – also die Schönheit des Punches steht im Zentrum.
Ja, es wird die ein oder andere Referenz auf ewiggültige Schönheitsköniginnen in diesem Text zu finden sein. Wer sie findet, versteht und mag, darf sie behalten. Schönheit ist für alle da.

Genug der Vorbemerkungen reiten wir mal ein. Wir steigen hinab ins Tal der scheinbar Ahnungslosen, ins Königreich der Einäugigen. Hier im Land der Stylekrüppel ist der Halbtaube wahrscheinlich König. Aber wer mag schon Monarchen? Es ist an der Zeit, einige zu enthaupten und den Pfahl tief ins Auge des Zyklopen zu bohren!

Wir beginnen das Tänzchen mit einem Rant, denn es ist einfach mehr als notwendig mal ein paar kritische Bemerkungen zur allgegenwärtigen lyrischen Unterforderung in diesem sogenannten Game fallen zu lassen. Ich bin gelangweilt und ihr werdet jetzt angezählt.

Klar, Rap muss noch immer keine Soziologievorlesung auf Beats sein, aber etwas mehr Mühe wäre doch wünschenswert. Originalität, Witz, Irrsinn – Fehlanzeige. Status: Die Ohren der Zuhörer werden mit Zweckreimen einkleistert – geschenkt, war irgendwie schon immer schon so. Viele der pulverbetäubten Hoodtales sind armselig erzählte Phantasiegebilde, aber auch hier – geschenkt. Leider bleiben auch zahllose Beats lieblos. Selbst wenn man sie gründlich aufarbeiten würde, blieben sie schlichtweg basslahme Schrumpfformen, aber auch hier – geschenkt.

Aber früher gab es einfach mehr eigenständige Fackelträger, Menschen, denen es wichtig war Lines zu schaffen, die knallten wie Peitschenhiebe. Hooks, die in aller Munde waren. Codes, die jeder (der wollte) verstand. LMS war mehr als ein Undergroundmonolith, es war ein Statement. War irgendwie gut. Heute wird lieber in beschissen ausgeleuchteten Videoschnippseln grimmig dreingeschaut und Häme & Neid über Person X plus Freundin, Frau, Mama, Grossmama und dem zufällig rumstehenden Wolf ausgegossen. Und die allgegenwärtig gewordene humorbefreite Beeferei dominiert, anstelle der Überbietung des Anderen durch Style.

Battle wurde Beef. Drei kleine Worte, eine große Wirkung. Tief sind wir gesunken, zusammen – keiner darf sich da jetzt freisprechen. Anspruchslosigkeit ist das neue Schwarz. Das ist der Stand der Dinge im Februar 2015. Weit weg von jedem Hurraschrei. Auch die achtbaren Charterfolge von einigen wenigen können darüber nicht hinwegtäuschen.

Das allgemeine Niveau dieser Kunstform ist am Boden. Der Schiedsrichter ist wahlweise bei 9 oder 11 angelangt. Rap ist die alterschwache Nautilus und wir alle sind umherirrende Tiefseetaucher am Meeresgrund auf der Suche nach Perlen. 20000 Meilen unter dem letzten Punch, der einschlug, der letzten Hook, die haften blieb, dem letzten sprichwörtlich gewordenen Cut. Schönheit ich vermisse dich.

Ich verkläre jetzt bestimmt keine goldene Hip Hop-Vergangenheit, denn manche damals(tm) publizierende und in den Verkauf geschickte 12er waren einfach lieblos hingerotzter Wortmüll, sowas würde kein Rapper heute mehr gratis veröffentlichen. Man würde sich fremdschämen. Daher bin ich bei euch. Ich glaube an die Energie und die Mühe, die ihr in Musik steckt, ich hasse nur die gewählten bequeme Wege.

Über den Werteverfall will ich hier gar keine Worte verlieren. Kulturkritik ist was für die zwangsempörten Redakteure, die in ihrem soziologiedeutschtümmelnden Vokabular, eh alles was gerade mies läuft, dieser bösen Götze Hip Hop zuschreiben. So kann man halt auch jede Form von Kritik von unten negieren. Dazu äussere ich mich später mal.

Was mich mehr anekelt ist die kalkulierte Kaltschnäuzigkeit mit der gerade massig Halbimages auf den Markt gerotzt werden. Glaubt ihr wirklich die Hörer wären so stumpf und mental entmündigt, dass sie euch eure Spielchen abkaufen, wenn sie mal die Grundschultür feste hinter sich zugeworfen haben?

Glaubt ihr wirklich, dass es noch lange so weitergeht? Hier im Lande der kurzen Aufmerksamkeit? Diese Tausende von Klone, die die paar Originale, die noch blieben, einfach folgenlos biten. Jeder von ihnen glaubt, er sei jetzt der richtig heisse Scheiss, der Epic One und nicht der Epigone. Wäre es nicht so traurig würde ich laut lachen. Aber kommt, wir ranten einfach weiter …

Sezieren wir doch mal euren ach so eigenen Stil. Originär, wie ne hunderttausendfach gedruckte Postwurfsendung oder um mit zwei der letzten Originale zu sprechen, (fast) alle MCs sind menschliche Spammails in Deutschland.

Also: Du bist total politisch und zeigst uns Vorstadtkindern dies mit Zweckreime in gebrochenem Deutsch – tja unspannend. Credibil spricht die Strassenwahrheiten lieber sauber aus. Und Celo & Abdi haben über die freie Marktwirtschaft eigentlich alles gesagt. Dein Gossenbörsenwissen braucht somit leider keiner mehr. Geh doch einfach rüber zu AstroTV, da lassen sich Menschen gerne belügen und zahlwillig sind sie auch – sagt man so.

https://www.youtube.com/watch?v=tXoTddgmBDc

Um es kurz zu machen: Grimmig in die Kamera gaffen und unausgegorenes auszusprechen ist keine Karriereoption.

Explizite Lines & die ein oder andere eingestreute empörungssteigernde Provokation – tja, kann immer noch keiner besser als der Junge aus Tempelhof. Aber der ist ja eh die von allen verleugnete Blaupause, Gangstarapvatermord und so. Ich gähnte. Im Promobeef ist es zwar immer fein auf die Großen zu schiessen, so generiert man kostengünstig Klicks, aber der Mensch hat definitiv zwei Klassiker im Repertoire und du musst sogar dieses Wort nachschlagen. Klicks sind keine Karrieren.

Karrieren auf Beleidigungen aufbauen, echt innovativ. Und was, wenn der Beef nicht mehr läuft? Klar, dann gibts immer noch die Sexismuskarte. Oder sogenanntes Strassenwissen plus Durchblickmackergetue vertonen, ganz ehrlich werte Gossenjungs, die Kurse für Schnuff kann ich inzwischen auch per App erfragen. Oder eben die Schwesta fragen, die euch säckeweise eintütet und genau davor habt ihr nichtsagenden, inhaltslosen Stiernacken mit den Karriereaussichten wie Rinnsale in Zimbabwe einfach Angst.

Tja, diese Frau hat mehr Sack, mehr Authenzität und mehr glaubwürdige Stories als du und dein ganzer Block und dessen Nachbarblock zusammen in petto. Glaubt mir, ich hab inzwischen alle Leihwägen und Tiefgaragen der Republik gesehen und ganz ehrlich auch Pyros im Video macht aus einen Dreckstext keinen Strassenpulitzerkandidaten. Die meisten gucken doch eh eher auf die Süsspopos der Damen, die ihr wie Einrichtungsgegenstände in den Tiefgaragen neben den Leihwägen platziert – und sich dann wundern, warum die Herzdame Adieu sagt – aber somit springt ja wenigstens noch ne schwülstige Verlass-mich-nicht-Hymne raus, wa?

Baukastenideologien haben noch nie zu einem Klassiker geführt. Man muss noch etwas Chaos in sich tragen um eine tanzende Meute gebären zu können, sagte irgendso ein Typ von früher, älter als Torch, denk ich.
Kurz: Copycats haben keine Karrieren. Ausser vielleicht als Autowrackausschlachter, da kann sich der zukünftige Boss ja das letzte Video als Arbeitsprobe anschauen, dann hat es wenigstens ein bissl Mehrwert.

Ihr wollt Lob, Applaus, lila Scheine und ein kleines bisschen Liebe, dann liefert einfach was eigenständiges, eigenes und nicht die drölfste Kopie einer schlechten Kopie, sowas honoriert doch keiner, ausser denen, die eure Alben noch nicht kaufen dürfen und sie daher runterladen. Klasse Karriereaussichten. Jeder gönnt euch alles, aber dafür müsst ihr erstmal liefern statt die Leute konsequent zu unterfordern. Dann sprechen wir gerne auch mal wieder über den State Of The Art. Versprochen.

 


Tl;dr:
Der Zwecksreim-O-Meter leuchtet nach wenigen Sekunden, der Skipfinger tanzt aufgeregt, du nervst. Du hast keine Karriere. Und Grundschulfans.


Portrait #Marcus Dewes.

[Gastkolumne] Der digitale Flaneur ist eine originale Oldschoolschleichkatze, straight outta Berlin-Neukölln.
Er fand Torch bereits vor Savas antik. Chillt immer noch mit A E I O U und hat schon mit Flashpunks herumgetobt als die Menschen noch seltsame Hüte und Uniformen trugen. Ein straighter Anhänger der Silonation, der schon den ein oder anderen Westwind geschnuppert hat. Inhaber eines grünen Passes mit einem golden Wookie drauf.

Aufzufinden ist er in diesem Internetz unter @digitaleflaneur. Ab und an schreibt er auch wortreich auf derdigitaleflaneur.blogspot.de.


» korrespondierend #i got 5 on it:





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